Zur Geschichte des Studienhauses der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck in Marburg

Das Haus
Im März 1994 war es soweit: Das neu gegründete Studienhaus der EKKW öffnete seine Tore. Oder besser gesagt: seine Türen. Denn sein erstes und vorläufiges Zuhause fand das Studienhaus in einem kleinen Fachwerkhaus in der Ritterstraße 7a (siehe links). Vier Jahre später dann zog die Einrichtung in das frisch sanierte Philipp-Melanchthon-Haus am Lutherischen Kirchhof Nr. 3 (Foto unten).
An diesem Platz hatte ursprünglich die alte Stadtschule gestanden. Im Laufe der Jahrhunderte erfuhr das Haus zahlreiche Umwidmungen; es war Stadtschule, Rathaus, Knaben-Bürgerschule, städtische Realschule, katholische Schule, Grundschule in evangelischer Trägerschaft (Schlossbergschule) und schließlich Sitz der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitserziehung und einer ständigen Emil-von-Behring-Ausstellung. In dem neuen Gebäude ist nun seit 1998 das Studienhaus zusammen mit dem Mehrgenerationenhaus der Familienbildungsstätte, den Proberäumen der Kurhessischen Kantorei und dem Büro des Landeskirchenmusikdirektors untergebracht. Im obersten Stockwerk befinden sich die Hausmeisterwohnung und das Gästezimmer des Studienhauses.

Aufgaben und Angebote
Laut Satzung ist die Aufgabe des Studienhauses, Theologiestudierende in ihrem Studium zu unterstützen. Hauptzielgruppen sind die Pfarramts- und Lehramtsstudierenden in Marburg und darüber hinaus auch Theologiestudierende aus der EKKW an anderen Studienorten. Beratung und Begleitung für Pfarrerinnen und Pfarrer, die ein Studiensemester absolvieren, weitet die Zuständigkeit noch über das Examen hinaus aus. Inhaltlich und konzeptionell unterstützt wird die Leitung des Studienhauses durch die/den Ausbildungsreferentin/en, derzeit PD Pfarrerin Dr. Regina Sommer, und den Beirat, dem neben Vertreter/inne/n der Kirchenleitung, auch Abgesandte des Fachbereichs Evangelische Theologie, der Studierendenschaft, des PTI Marburg und des Predigerseminars angehören.
Im Laufe der Zeit wurde das Angebot ausgebaut. Ein breites Spektrum an Veranstaltungen und Angeboten zeichnete über die Jahre hinweg das Programm der Einrichtung aus. Regelmäßige Lektürekurse in Griechisch und Hebräisch, Kurse zur Philosophiegeschichte, Repetitorien und Übungen zur Examensvorbereitung, Workshops zu theologischen und religionspädagogischen Themen und nicht zuletzt die persönliche Beratung und Begleitung bildeten das Grundgerüst. Doch gab es immer wieder auch Highlights, Studientage und Tagungen wie die international besetzte Tagung zur Heiligen Kümmernis im Juli 2002, den religionspädagogischen Studientag „Religion lehren zwischen populärer Kultur und christlich-religiöser Tradition“ mit H.-M. Gutmann (Hamburg) Januar 2003, die vielfältigen Veranstaltungen im Landgraf-Philipp-Jubiläumsjahr 2004 (ökumenischer Studientag zu Luthers Deutscher Messe, Adam-Krafft-Studientag, Kirchenraumerkundungen) oder das theologisch-kirchenmusikalische Symposion zum 400. Todestag von Philipp Nicolai im Oktober 2008. Zu derartigen Gelegenheiten und für Fachvorträge zu aktuellen Themen konnten immer wieder angesehene Referentinnen und Referenten aus dem In- und Ausland gewonnen werden. 


Die Menschen
Personell war das Studienhaus ursprünglich mit drei Studienleitern besetzt: Pfarrer Dr. Eberhard Stock, derzeit Bildungsdezernent der Landeskirche, war der erste Leiter des Studienhauses. Neben ihm wirkten Pfarrerin Dr. Sigrid Glockzin-Bever und Pfarrer Dr. Helmut Umbach als Studienleiterin und Studienleiter mit. Dr. Umbach oblag als Abgesandtem des Studienhauses die Betreuung der Studierenden in Göttingen. Nachdem Pfarrer Dr. Thomas Benner übergangsweise im Februar die kommissarische Geschäftsführung inne hatte, übernahm im März 1998 Dr. Uwe Kühneweg die Leitung des Hauses, die er bis August 2001 innehatte. Das Jahr 2001 brachte insgesamt einige personelle Veränderungen. Zu dieser Zeit kam Pfarrer Dr. Markus Rahn ins Studienleiterteam und löste Dr. Umbach in der Beratungs- und Betreuungsarbeit in Göttingen ab, die er bis 2011 fortführte. Ebenfalls in 2001 wurde Dr. Glockzin-Bever die Leiterin des Studienhauses, dem sie bis zu ihrem frühen Tod im Januar 2011 vorstand. In den gut 16 Jahren als Studienleiterin und knapp 10 Jahren als Leiterin prägte sie die Arbeit und das Profil des Studienhauses entscheidend. Im Herbst 2010 wurde ihr für ihre wissenschaftlichen Verdienste vom Fachbereich Evangelische Theologie, an dem sie viele Jahre einen Lehrauftrag wahrnahm, die Ehrendoktorwürde verliehen.
Seit April 2003 arbeitet Pfarrer Dr. Egbert Schlarb, Gemeindepfarrer in Rauischholzhausen mit Lehrauftrag am Fachbereich Ev. Theologie, als Studienleiter mit. Er ist für das Fach Neues Testament und den Griechisch-Lektürekurs zuständig. Im Juni 2011 übernahm Pfarrer Dr. Gerhard Neumann die Leitung des Studienhauses mit den Schwerpunkten Praktische Theologie, Kirchengeschichte und Interkulturelle Theologie. Er nimmt ebenfalls einen Lehrauftrag am Fachbereich Ev. Theologie, im Fachgebiet Praktische Theologie/ Religionspädagogik wahr.
Auch im Sekretariat wechselten die Mitarbeiterinnen. Seit 1999 arbeitete Frau Susanne Stutz hier als Sekretärin. Nach Ihrem Ausscheiden in den Ruhestand 2004 übernahmen Frau Sabine Rehlich, die schon seit 2001 im Büro mitarbeitete, und Frau Sabine Bouaraba den Sekretariatsdienst, zu dem vielfältige Aufgaben in der Verwaltung, Organisation, Öffentlichkeitsarbeit und der Bibliotheksbetreuung gehören.
Die inhaltliche Arbeit wurde und wird von freien Honorarkräften sowie Wissenschaftlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen am Fachbereich Evangelische Theologie, mit dem das Studienhaus von Anfang an eng kooperiert, unterstützt. Gegenwärtig unterrichten hier Frau Pfarrerin Carolin Kalbhenn (Gießen) Hebräisch und Herr Peter Schüz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich, Philosophie.
Vor allem aber bevölkerten viele Studierende und sonstige Nutzer das Studienhaus und seine Veranstaltungen. Im Schnitt nutzen pro Semester 50 bis 100 Studierende das Haus, zahlreiche von ihnen mehrfach in unterschiedlichen Veranstaltungen. In manchen Semestern wurde diese Zahl noch weit übertroffen, wenn etwa große Veranstaltungen viele – auch externe – Interessierte anzogen oder eine überdurchschnittliche Zahl an Kursen hier statt fand. Im Studienhaus begegnen sich Pfarrerinnen und Pfarrer, Lehrerinnen und Lehrer, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirche sowie fachfremde, an dem jeweiligen Angebot interessierte, Menschen. Neben den regelmäßigen Kursen und größeren Studientagen finden sich kleinere Arbeitsgruppen oder Einzelpersonen hier ein, um in den schönen Räumlichkeiten zu lernen und zu studieren.
Genutzt wird die Einrichtung aber nicht nur von Studierenden aus der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Zwar stellen diese mit über 50 % die Mehrheit, doch stehen an zweiter Stelle klar die Studierenden aus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau mit etwa 25 % der Nutzerinnen und Nutzer. Das letzte Viertel verteilt sich auf Studierende aus weiteren 12 Landeskirchen der EKD. Und auch aus anderen Ländern und Kontinenten finden Menschen immer wieder in das Studienhaus – Studierende, Lehrende oder „einfach nur“ Gäste.
 


Fit für die Zukunft
Im April 2014 konnte der komplett neu gestaltete Internetauftritt des Studienhauses – das Studienhaus ist schon seit 1999 im weltweiten Web präsent – online gehen. Hier sind alle Informationen zum Programm, zu den Veranstaltungen, den Mitarbeitenden, zum Haus und zur Erreichbarkeit übersichtlich und in zeitgemäßer Form zusammengefasst.
Gegenwärtig wird an einem neuen Konzept für das Studienhaus gearbeitet, das den veränderten kirchlichen und universitären Gegebenheiten Rechnung trägt. So wird in Zukunft ein auf die theologischen Berufe ausgerichtetes Bildungskonzept im Mittelpunkt stehen, bei dem es neben den unterstützenden Angeboten für das Studium vor allem um die Verknüpfung von Fachwissen und berufsorientierter Persönlichkeitsentwicklung geht. Dies in enger Zusammenarbeit mit anderen kirchlichen und universitären Einrichtungen zu ermöglichen, wird der neue Schwerpunkt in der Arbeit des Studienhauses sein. Nach wie vor geschieht dies in erster Linie durch persönliche Begegnungen, Beratungen und Kursangebote – gemäß dem Motto des Reformprozesses in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck: „Mit gebündelten Kräften verlässlich nah bei den Menschen“.